Wo sind denn die ganzen Autorinnen?

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Männer dominieren den Literaturbetrieb.

In meinem Bücherregalen stehen weit über 800 Bücher. Mehr als die Hälfte davon ist nicht gelesen. Streicht man aus dieser Liste jegliche 'seichte Frauenliteratur' bleiben knapp 70 Bücher in der Belletristik übrig. Dabei bemühe ich mich Bücher von Autorinnen zu lesen, Bücher mit weiblichen Hauptfiguren, feministische Literatur und Neuerscheinungen von vielversprechenden jungen Debütantinnen. Dennoch beherrschen die Männer meine Bücherregale.

Auch wenn Frauen mit über 60 Prozent den Großteil der Käufer*innen von Büchern stellen, vielfältiger und im Durchschnitt mehr lesen, dominieren Männer dennoch den Literaturbetrieb.
Teilt man den Buchmarkt nach den seit den 60ern eingeführten Kategorien der Literaturtheorie in high und low culture, also triviale und hohe Literatur ein, sind die Zahlen erschreckend.

Warum gilt Byron als Literat und Austen schrieb Bücher für Frauen?

Autorinnen erscheinen selten in renommierten Verlagen, werden in die seichte Frauenliteratur verdrängt und gewinnen seltener Literaturpreise. Gerade der deutsche Literaturbetrieb diskriminiert Frauen, nur knapp 10 bis 25 Prozent der Rezensionen in den führenden literarischen Feuilletons der leitenden Printmedien besprechen Bücher von Frauen.

Doch warum herrscht dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern noch 2019? Liegt es daran, dass die meisten Rezensenten männlich sind? Die meisten Jurys der Buchpreise mit Männern besetzt sind und nur mit knapp 20 Prozent weiblichen Mitgliedern? Von 140 wichtigeren deutschen Literaturpreisen fünf mal häufiger von Männern gewonnen werden? Seit 1901 bis heute 99 Männer den Nobelpreis gewonnen haben und nur 14 Frauen? Die paar hundert Jahre, in denen Frauen noch nicht veröffentlicht haben uns immer noch prägen? Warum gilt Byron als Literat und Austen schrieb Bücher für Frauen?
Sind die Themen für Männer greifbarer, wenn sie aus männlicher Sicht geschrieben sind?

Männer lesen Bücher von Männern

Denn die meisten Männer lesen fast ausschließlich Bücher von Männern. Autorinnen wie Joanne K. Rowling veröffentlichten zuerst unter ihren Initialen um potentielle männliche Leser nicht abzuschrecken. Doch diese Entscheidung der Männer könnte auch an dem Angebot liegen. Denn die meisten renommierten Verlage wie Suhrkamp oder Hanser veröffentlichen kaum Frauen. Und wenn werden sie schnell in die seichte Ecke, in die 'Frauenliteratur' abgeschoben. Buchcover in Pastelltönen, oft mit Fotografien in Sepia oder Blumen - machen sich einfach nicht so gut im Feuilleton. Es wird suggeriert, dass diese Bücher für Frauen sind - und nur für Frauen. Ken Follett gilt als literarischer als Philippa Gregory - dabei ist der sprachliche Unterschied nicht vorhanden, dennoch werden seine Bücher als intellektueller wahrgenommen. Warum wurde der neue Roman von Ulla Hahn mit einem kitschigen roten Koffer auf dem Cover versehen und der neue Handke mit einem minimalistischen Cover in gedecktem schwarz-weiß?

Selbst im Germanistikstudium spielen Frauen nur eine untergeordnete Rolle

Trotz der neuen Feminismuswelle, die seit einigen Jahren um sich strampelt, trotz Leseprojekten wie Emma Watsons Buchclub der weiblichen Autorinnen, trotz Supermodeln wie Karlie Kloss, die lächelnd Gloria Steinem in die Kamera halten, ändert sich der Buchbetrieb kaum.
Die Prägung lässt sich nicht so leicht abschütteln. Die Prägung, dass der Literaturkanon den Schüler*innen vorgesetzt bekommen, fast nur aus Männern besteht, selbst im Germanistikstudium Frauen nur eine untergeordnete Rolle spielen - was von Epoche zu Epoche lächerlicher wird und in der Postmoderne absolut keine Berechtigung mehr hat. Doch die Zahlen sehen einfach anders aus. Mehr Veröffentlichungen von Männern, mehr Buchkäufe von männlichen Autoren, mehr Buchpreise und Rezensionen von und über Männer.

Wir unterstützen dieses Ungleichgewicht. Indem wir nicht bewusst lesen - nicht bewusst die Werke von Autorinnen würdigen. Nicht bewusst realisieren, dass die Bücher über Frauen die wir lesen nur ein Abziehbild der weiblichen Psyche sind - geschrieben von Männern.

Ein Anfang ist es, dass ich diesen Monat nur Bücher von Autorinnen lese. Bücher von starken Frauen. Join me.

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Informationen

Quellen
George, Nina: Mach Literaturbetrieb. In "Boersenblatt" vom 12.Januar.2017.
Schlüter, Nadja: Warum ich Bücher von Frauen lese. In "Jetzt" vom 05.Mai.2017.
Sexl, Martin: Einführung in die Literaturtheorie. Wien. 2004.
Stiftung-Frauen-Literatur-Forschung e.V. mit einer Datenbank über Autorinnen und Übersetzertinnen: http://www.dasind.de/datenbank.html (aufgerufen am 05.Januar.2018)