Warum ein viktorianisches Gemälde die Sexismusdebatte nicht lösen wird

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Waterhouse als Sexist

Am 26. Januar hat die Manchester Art Gallery, eines der wichtigsten Museen in Manchester und Heim von mit der wichtigsten Sammlung an Präraffaeliten, eines ihrer Bilder temporär entfernt.

 

Es ist ein Gemälde des viktorianischen Künstlers John William Waterhouse dessen Bilder zwischen einer phantastischen Welt und der Wirklichkeit schwanken. Seine Topoi sind mystische Wesen und griechische Sagen.

"Hylas und die Nymphen" heißt das betroffene Gemälde von 1896. Es zeigt eine Szene aus der antiken Mythologie. Sechs nackte junge Nymphen verborgen zwischen Seerosen, die einen Jüngling dazu verführen sich zu ihnen in den Teich - und damit den Tod, zu gesellen.

 

Clare Gannaway, Kuratorin der Manchester Art Gallery möchte damit eine Debatte auslösen, inwieweit Bilder, die Frauen entweder als gefährliche "femme fatale" oder als "passiv-dekorativ" zeigen heute noch gezeigt werden sollten. Die Entfernung des Bildes sei ein Teil einer eigenständigen Kunst-Performance der Künstlerin Sonia Boyce gewesen und auch von der #metoo-Bewegung inspiriert worden.

 

Das Museum ruft Besucher dazu auf an der leeren Stelle, aber auch im Internet ihre Meinung zu hinterlassen und gibt Hilfestellung.

  • Man sollte die viktorianische Phantasie, welche Frauen eben nur erlaubt zwei Dinge zu sein: schön und gefährlich, ändern.
  • Inwiefern können Kunstwerke, in einem für die heutige Zeit angemessen Umgang, sich mit Rasse, Geschlecht, Sexualität und Klasse beschäftigen.
  • Welche anderen Geschichten könnten diese Bilder erzählen? Was für Themen wären spannend in dem Museum?

Kunst von Frauen kann nicht Großformatig sein

Im Prinzip mehr oder wenig gelungene Denkanstöße. Natürlich ist es wichtig Sexismus in allen Bereichen des Lebens, der Gesellschaft und damit auch der Kultur zu reflektieren. Ob die Rolle, die Frauen im Hip-Hop traditionellerweise spielen, dem Frauenbild von Hebbel oder eben auch in der Kunst. Selbstverständlich sollte reflektiert werden, welche Rollen Frauen in der Kunstwelt spielen - ob als Porträtierte oder Künstlerin.

 

Die Künstlerin Despina Stokou hat in einem Interview aus dem Jahr 2016 über den Sexismus in der Kunstwelt erzählt. Wie ihre Bilder meistens für Kunst von einem Mann gehalten werden würden - weil sie groß sind. Ein großes Format wird gleichgesetzt mit einem männlichen Künstler, dabei hätte Kunst kein Gender. Wie sie in ihrem Weg zu einer etablierten Künstlerin unzähligen beleidigenden und anzüglichen Bemerkungen begegnet ist - und das heute immer noch passiert.

Wie proportional ungleich die Verteilung von Männern in Galerien (also zeitgenössischer Kunst) ist. Wie es extra Ausstellungen für Frauen gibt, aber niemals für Männer.  Kunst von Frauen bräuchte einen eigenen Schutzraum, weil sie neben der männlichen Kunst nicht bestehen kann.

 

Siri Hustvedt hat mit "The blazing World" 2014 einen Roman veröffentlicht, der von einer Künstlerin erzählt, die ihre Kunst über drei männliche Strohmänner präsentiert - ihre Kunst die vorher gescheitert ist wird plötzlich gefeiert.

Tische aus knienden Frauen

Und doch wurde bisher meist über die Künstlerin geredet, nicht über die Motivik. Der amerikanische Künstler Kehinde Wiley hat 2012 mit " An Economy of Grace" eine Serie an Kunstwerken veröffentlicht, die auf klassischen Kunstwerken basiert aber durch afro-amerikanische Frauen ersetzt. Es ist ein Denkanstoß, aber es ist auch ein Denkanstoß, der sich hauptsächlich in der Rassenfrage einordnet.[1]

 

Zum 80. Geburtstag des Pop-Art-Künstler Allen Jones wurde die Debatte erneut ins Rollen gebracht, aus weiblichen Schaufensterpuppen in Lackkorsagen fertigt er unter anderem Möbelstücke - eine Frau auf den Knien wird zu einem Tisch, eine Statue zeigt eine gefesselte, nackte Frau mit Vibrator. Doch er selbst bezeichnet sich als Feminist.

 

[1] Was, keine Frage, ebenso wichtig ist. Denn ein Feminismus der Klasse, Rasse und Sexualität nicht mit einschließt wird die Welt nicht verändern.

Chauvinismus wird durch Bildtheorie legitimiert

Einen wunderbaren Beitrag hat der Kunsthistoriker Daniel Hornuff 2017 veröffentlicht über die Bildtheorie und den Sexismus und wie durch eine angeblich weibliche Codierung der Bilder, bildtheoretisch Chauvinismus in der Darstellung legitimiert wird.

"Reaktiviert wird also die seit Jahrhunderten stets aufs Neue wiederholte Projektion der Frau als eines an ihrer eigenen Rückständigkeit leidenden, generell nur empfangenden und daher umso ungezügelter begehrenden Wesens."

Ein Lösungsansatz?

Wo wir wieder bei Waterhouse und seiner "femme fatale" wären. Es gibt in jeder Epoche sexistische, rassistische, pädophile und gewaltverherrlichende Kunst. Doch ist Zensur der richtige Weg?

Nein. Eine offenes Diskussion ist dringend notwendig, durch eine Tabuisierung gewinnt das Ganze für die Kritiker eine Legitimität sich als Opfer zu fühlen, als Unverstandene und Unterdrückte.[1]

Einen Diskurs wie die Manhattan Art Gallery es momentan anbietet ist notwenidg, ja.

Aber hätte man das Bild nicht hängen lassen können und nebendran eine Kopie, die alle sexistischen Punkte aufzeigt? Die Fragen dazu stellt und an der man auch Meinungen der Besucher sammelt?

Kann man nicht in Büchern von Lewis Carrol ein warnendes Wort vordrucken? Bei Hebbel darauf aufmerksam machen, was an dem Frauenbild nicht stimmt?
Bei einer CD von Bushido einen Artikel der weiblichen Rapperin und Feministin Sookee beilegen?
Bei Egon Schiele die Bilder in den Diskurs stellen? Allen Jones männlich Äquivalente daneben stellen?

Dann würde vielleicht ein echter Denkanstoß stattfinden - und in die nächsten Generationen weitergegeben werden.

 

[1] Das gleiche Phänomen, dass sich bei den AfD-Anhängern gerade zeigt.

Bitte addieren Sie 5 und 4.
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Informationen

Quellen:
Zu dem Waterhouse-Projekt
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/john-william-waterhouse-hylas-und-die-nymphen-in-manchester-abgehaengt-a-1190996.html
http://manchesterartgallery.org/blog/presenting-the-female-body-challenging-a-victorian-fantasy/
https://www.monopol-magazin.de/museum-manchester-haengt-gemaelde-ab

Interview mit Despina Stokou
https://www.monopol-magazin.de/eau-de-bro

Artikel von Daniel Hornuff
https://www.daniel-hornuff.de/bildtheorie-und-sexismus/

Artikel zu Allen Jones
http://www.landbote.newsnetz.ch/ausland/Kunst-oder-Sexismus--PopArtKuenstler-Allen-Jones-wird-80/story/15997035

Zu Sexismus, Zensur und Pädophilie in der Kunst
http://www.zeit.de/2017/52/sexismus-kunst-zensur-meetoo