Serotonin

von Michel Houellebeqc

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Als ich „Unterwerfung“ von Michel Houellebeqc las, beschloss ich, dass sei das letzte Buch was ich jemals von diesem schrecklichen Menschen lesen würde. Als ich ein Interview mit ihm sah, bekräftigte es nur meinen Entschluss nie wieder eine geschriebene Zeile von ihm anzufassen. Als ein von mir hoch geschätzter Kollege sagte, „Karte und Gebiet“ sei eines der Bücher, die ich unbedingt noch lesen müsste, ignorierte ich ihn. Als er nach zwei Jahren kündigte und mir das Buch erneut ans Herz legte, las ich es mit großem Widerwillen und war meiner Abneigung zum Trotz begeistert. Dieses Jahr erschien Houellebecqs neuer Roman „Serotonin“ und ich dachte es gäbe keine bessere Gelegenheit, die Pattsituation zwischen Begeisterung und Abneigung zu entscheiden.

„Männer verstehen im Allgemeinen nicht zu leben, sie sind nicht wirklich mit dem Leben vertraut.“

In den 50er Jahren geboren ist Houellebecq schon lange das enfant terrible des französischen Literaturbetriebs. Die Kritiken der französischen Literaturwelt trieben ihn nach seinem Roman „Elementarteilchen“ nach Irland und er kehrte erst 2013 nach Frankreich zurück. Am gleichen Tag der Veröffentlichung von „Unterwerfung“ fand der Terroranschlag auf Charlie Hebdo statt, dass seinem Schreiben eine prophetische Kraft verlieh und zu einem zweifelhaften Erfolg des Romans verhalf. Houellebecqs Werk strotz vor Sexismus, Islamophobe, Rassismus und reaktionärer Kraft – provokante Äußerungen die er in Interviews bekräftigt. Ob seine Antipathie der Welt gegenüber Strategie ist oder ob er einfach ein fürchterliches Subjekt ist, weiß wohl er nur selbst.

„Das Verlangen nach einem Sozialleben lässt mit zunehmender Reife nach, irgendwann sagte man sich, dass man sich ausreichend mit der Sache beschäftigt hat.“

„Serotonin“ erzählt die Geschichte eines 46-jährigen Ich-Erzählers der schwer depressiv sein Leben rekonstruiert während er privat und beruflich immer mehr scheitert. Der aus der Mittelschicht stammende Agraringenieur glänzt durch seine Enttäuschung von der Welt und dem was sie ihm zu bieten hat. Stattdessen lebt er seinen Frauenhass und die Diffamierung jeglicher auftauchender Frau in dem Roman aus, seinen Rassismus gegenüber anderen Nationalitäten, plant die Ermordung des vierjährigen Kindes seiner ehemaligen Geliebten, seine Verachtung der europäischen Union und ihren Reglements und plant seinen Selbstmord. Der Protagonist entdeckt die grenzwertigen Facetten der Sexualität wie Pädophilie und Zoophilie, während er seinen eigenen Libidoverlust betrauert.

Zynisch betrachtet er die Schnipsel seines Lebens und trauert den kleinen Augenblicken des Glücks und der Liebe nach, die er sabotiert hat.

Wie viel der Person Houellebecq in dem Buch steckt, ist nicht klar. Doch aus seiner eigenen Biographie lassen sich einige Parallelen ziehen, so ist Houellebecq selbst Landwirtschaftsingenieur und arbeitete für das französische Landwirtschaftsministerium, ist in seiner dritten Ehe mit einer zwanzig Jahren jüngeren Chinesin verheiratet und leidet schon lange und immer wieder unter starken Depressionen.

 

„Die Außenwelt war hart, ohne Mitleid mit den Schwachen, sie hielt ihr Versprechen nie, und die Liebe blieb das Einzige, woran man vielleicht noch glauben konnte.“

Während der unsympathische Protagonist anwidert, Wut hervorruft und mehr als einmal den Wunsch in mir weckte das Buch wegzuwerfen, ist Houellebecqs zynischer Blick auf die Gesellschaft erschreckend scharf und teilweise treffend. Fast prophetisch erzählt er von der Eskalation und Revolution der Landbevölkerung, die sich wenige Wochen später in den Gelbwesten-Proteste manifestierte. Genau sezierte er die europäische Politik und all ihre Schwachstellen.

Dennoch war „Serotonin“ für mich in gewisser Weise eine Qual, weil mir regelmäßig schlecht wurde, ich die sexuelle Anziehung der Frauen zu diesem Subjekt nicht verstand und der Hass des Buches mich fast auffraß. Was ich nun letztendlich von Houellebecq halte, weiß ich nicht.

Das einzige was ich weiß: ich werde dieses Buch nicht noch einmal lesen.

Bitte addieren Sie 5 und 9.
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Informationen

Sérotonin
Erscheinungsjahr:
2019
Ausgabe: DuMont, 2019
ISBN: 978-3-832-18388-2
Seiten: 335
Übersetzung: Stephan Kleiner
Sterne: 3/5