Raumpatrouille

von Matthias Brandt

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Nachdem sich sowohl meine Arbeit an universitären Arbeiten, die großen Umräumpläne meiner Wohnung und die anderen Bücher, die ich gerade lese, hinziehen, habe ich an einem regnerischen Nachmittag und einigen U-Bahn-Fahrten, eine kleine Erzählsammlung dazwischen geschoben.

 

Als Kind einer prominenten Person hat man es nie leicht. Der 1961 geborene Matthias Brandt hat sich zwar als Schauspieler einen Namen gemacht, trat sowohl in zahlreichen Theaterproduktionen als auch im Fernsehen auf, und sprach zahlreiche Hörbücher ein, aber dennoch ist er und wird er immer der Sohn von Willy Brandt bleiben. Während dessen Regierungszeit als Bundeskanzler zwischen 1969 und 1974 lebte die Familie in Bonn, in dessen Schauspielhaus Matthias Brandt später zum Ensemble gehören sollte. 2016 veröffentlichte Brandt sein erstes Buch, in dem er autobiographische Erzählung aus seiner Kindheit in den frühen 70er-Jahren versammelt.

„Schön war es in dieser Welt, die sich nicht gleich veränderte, wenn man ihr kurz den Rücken zudrehte.“

Es berichtet aus dem Alltag eines Grundschülers, dessen Liebe zu seinem Hund stark und unerschütterlich ist, der mit dem senil werdenden Nachbar besser umgehen kann, als mit seiner Mutter und der Problematik, durch die Stellung des Vaters nie dazugehören zu können.

Immer wieder taucht die nicht ausgelebte Auseinandersetzung mit dem nicht präsentem Vater auf, Brandts Blick auf einen unnahbaren, ohne seine Angestellten lebensunfähigen Mann, der dem Jungen fremder zu sein scheint, als der Wachmann, der seine Teewurstbrote mit ihm teilt.
Seine ambivalenten Gefühle hinsichtlich seiner eigenen Familie, beschäftigen den Jungen jedoch deutlich weniger als seine täglichen Sorgen und Träumereien, in denen er als Astronaut, Magier und Fußballstar die Welt bevölkert. Durchwebt mit dem Flair der 70er-Jahre in dem Adidas-Anzüge so selbstverständlich scheinen wie brau-orange-gepunktete Bettwäsche, gibt Brandt Ein- und Ausblicke in seine eigene Kindheit, dem Joch des abwesenden Vaters, skurrilen Weggefährten und dem Seelenleben eines Heranwachsenden.

„In dem Moment, in dem ich die Heldenverkleidung überstreifte, ging ich über meine bisherige Existenz hinaus und wurde zu einem anderen.“

Obwohl jede der Erzählung für sich steht, bilden sie doch ein stimmiges Bild. Brandt bietet einen Blick auf seine Kindheit, die die Rolle des Vaters, ebenso wie diesen wesentlich verdrängt, in der die zwei deutlich älteren Brüder keinerlei Rolle spielen und in der die Mutter nach ihrer Heimat sehnt und keinerlei Beziehung zum Vater haben zu scheint. Wie ein Sturm bauen sich die schwierigen Familienverhältnisse auf, bis am Ende alles versöhnt scheint. Für Matthias Brandt war dieses Buch ein Herzensprojekt und entstand in enger Beziehung zu einem befreundeten Musiker, der den Soundtrack zu dieser Kindheit schuf, fast scheint es eher eine Versöhnung, als eine Abrechnung mit seinem Vater zu sein.

„Es war mir bisher nicht gelungen, ein Hobby zu finden, weil ich nicht einsehen wollte, dass es eine Phase des Dilettantismus zu überstehen galt, bevor es interessant wurde.“

Dem kindlichen Erzähler gerecht zu werden, ist von jeher ein schwieriges Unterfangen, doch Brandt schafft es durchaus, mit einer einfachen aber flüssigen Sprache, kindgerecht, aber fast Klischeefrei und lesbar zu erzählen.

„Raumpatrouille“ schafft es zwar nicht Brandt in den Olymp der Kurzgeschichten zu hieven, aber bietet eine vergnügliche Auszeit. Mir haben die Geschichten gut gefallen und ich habe es genossen in die farbige Welt abzutauchen und an Tri-Trop erinnert zu werden.

 

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Informationen

Erscheinungsjahr: 2016
Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, 2016
ISBN: 978-3-462-04567-3
Seiten: 172
Sterne: 3/5