Keyserlings Geheimnis

von Klaus Modick

Kommentare: 0

Eduard von Keyerserling ist meine bisherige Neuentdeckung des Jahres. Der baltischstämmige Schriftsteller des noch frischen 20. Jahrhunderts lebte einige Zeit in München, bevor er zurückgezogen und schwer an Syphilis erkrankt starb. Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Klaus Modick wurde 1951 in Oldenburg geboren, neben einem Doktortitel in Literaturwissenschaft, Gastprofessuren in Darmouth und Middlebury, schrie er inzwischen zahlreiche Essaysammlungen, Novellen, Romane, Geschichten und Sonette. Er saß in zahlreichen Jurys und Literaturausschüssen und übersetzte von Faulks bis Stevenson. Einem großen Teil seines literarischen Schaffens widmet er Romanen, in denen andere Literaten eine Schlüsselrolle spielen.

So auch in „Keyserlings Geheimnis“, das wie schon im Titel verraten um Eduard von Keyserling kreist.

„Wenn man sieht, was die Verlage heutzutage alles publizieren, muss einem angesichts dessen, was sie ablehnen, übel werden.“

Der 1855 geborene Graf von Keyserling entstammte dem baltischen Landadel im heutigen Lettland. Als zehntes von zwölf Kindern wurde relativ wenig von ihm erwartet. Doch er schaffte es diese Erwartungen zu untertreffen, als er sein Studium in Dorpat abbrach und mit dreiundzwanzig nach Wien um dort halbherzig ein Studium der Philosophie zu beginnen. Mit drei Schwestern zog der bereits schwer an Syphilis erkrankte 1894 nach München. Hier bewegte er ein zurückgezogenes, von seiner Krankheit bestimmtes einfaches Leben. Seine Vergnügungen beschränkten sich auf Alkoholexzesse in der Schwabinger Bohème. In der Gesellschaft von Frank Wedekind, Max Halbe und Lovis Corinth verbrachte er seine Abende. Letztere malte ein Porträt von Keyserling, das heute in der Neuen Pinakothek hängt.

„Auf Vererbung berufen sich zumeist solche Leute, die schlecht erzogen sind. Ich habe mich bemüht, meinen Kindern die Vererbung abzuerziehen.“

Den Entstehungsprozess dieses Gemäldes nimmt Modick als Rahmenhandlung seines Romans. Während eines Sommerurlaubs malt Corinth seinen Freund, der dabei auf verschiedenen Zeitebenen seinem Leben nachhängt. Seiner Jugend, seine Rolle in der adeligen Familie, die von dem Zerfall des Adels ebenso betroffen ist wie ihre Güter. Keyserling philosophiert über sein Auftreten, die Schwabinger Bohème und seine Dorparter Unizeit, über der ein großes Geheimnis schwebt. Er lamentiert über die Frauen in seinem Leben, den Auswirkungen einer Syphiliserkrankung und der Schwierigkeit mit einer lebenszerstörenden, erkennbaren und verpöhnten Krankheit zu leben. Amüsant, leicht melancholisch und stets lakonisch blickt ein gebrochener Mann auf sein Leben und das seiner Umwelt.

„Wenn es Korrekturbögen des Lebens gäbe, in denen man nach Belieben die Fehler ausmerzen könnte, die man im Leben gemacht hat, oder hinzufügen könnte, was einem im Leben fehlt..."

Modick macht jedoch mehr, als sich Keyserling nur über seine Biographie anzunähern. Er versucht sich viel eher seinem Kunstverständnis anzunähern. Er imitiert seine poetische Sprache und das Vermögen mit wenigen, kurzen Sätzen ein impressionistisches Bild zu zeichnen. Dies gelingt ihm mal besser, mal schlechter.

Doch „Keyserlings Geheimnis“ ist alleine schon deshalb lesenswert, weil es sich mit Keyserling beschäftigt. Einem zu Unrecht vergessenen diskreten und bescheidenen Bohèmien, auf den München stolz sein kann.

Was ist die Summe aus 4 und 3?
Zurück

Informationen

Erscheinungsjahr: 2018
Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch, 2018
ISBN: 978-3-462-05156-8
Seiten: 234
Sterne: 4/5