Ich bin Circe

von Madeline Miller

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Es gibt Bücher, deren Cover man einfach nicht mehr sehen kann. Wenn ein Buch bereits vor seinem Erscheinen mit Lobpreisungen überhäuft wird und gerade auf Instagram Blogger*innen sich versuchen zu übertrumpfen möglichst schnell besagtes Cover vor die Linse zu halten und sagen zu können: „das habe ich gelesen.“, werde ich leicht bockig. Meine Lust dieses – vielleicht vorher heiß erwartetes Buch – zu lesen, schmilzt wie Schnee in der Sommersonne und verdirbt mir jegliche Freude. Gottseidank gibt es äußere Umstände, die ein solches Buch dennoch vor seinem frühzeitigen Ende in meinem SuB erlösen: beispielsweise die Wahl zum Buchclubbuch.

Die Altphilologin Madeline Miller hätte weder bei ihrer Geburt 1978, noch während ihrem Studium in Cambridge gedacht, dass sie mal mehr als unterrichten und forschen würde. 2012 bewies sie mit ihrer Bearbeitungen des Troja-Stoffes „The Song of Achill“ jedoch den richtigen Riecher und traf den Zeitgeist. Es wurde in mehr als 25 Sprachen übersetzt und gewann den Orange Prize of Fiction. Die Aufarbeitung von Mythen, Sagen und Legenden erlebt einen Boom, den Miller klug nützt.
Auch ihr frisch erschienenes Werk „Ich bin Circe“ – ein Roman über die griechische Zauberin Kirke wurde bereits als HBO-Serie verpflichtet und war auf der Shortlist des Women’s Prize of Fiction.

„Aber in einem einsamen Leben gibt es jene seltenen Momente, in denen eine Seele die andere berührt, so wie Sterne einmal im Jahr die Erde streifen.“

Auf 500 Seiten erzählt Miller die Lebensgeschichte von Kirke. Der mächtigen Zauberin und Hexe, der bereits Homer und Hesiod ein Denkmal in der Odyssee und der Telegonie setzten, die Ovid zu seinen Metamorphosen brachte und deren Figur nicht nur den Symbolismus, sondern auch die Opernkunst beflügelte. Miller berichtet von Kirkes Außenseiterrolle zwischen den Göttern als Titanentochter und dem schwierigen Verhältnis zu ihren Eltern, von ihren anfänglichen Versuchen in der Zauberei und dem damit zusammenhängenden Ungehorsam der patriarchalen Weltordnung. Kirke führt den Leser durch ihre Kindheit, Pubertät und das Erwachsenleben. Sie berichtet von Geliebten und dem Verlust dieser, von Rache und Missgunst, von ihrer Verbannung, ihren Begegnungen mit Daidalos, dem Minotaurus, Scylla oder Odysseus.

„Alles war miteinander verbunden durch das gleichmäßige Ein- und Ausatmen der Natur. Alles, nur nicht ich.“

Miller erzählt von Mutterschaft und Einsamkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit und schafft ein vielschichtiges Porträt einer mächtigen Frau. Einer Frau, die ihr Leben lang um Anerkennung und Freundschaft kämpft, aber letztendlich immer wieder – besonders am anderen Geschlecht scheitert. Einen feministischen Anstrich versucht Miller ihrer Kirke zu geben, indem sie deren Eigensinn und Mut als Akt weiblicher Selbstermächtigung gegen patriarchale Strukturen deutet. Erst Kirkes Aufgehen in die Rolle als Mutter und Sorgende, befreit sie von ihren inneren Dämonen.

„Aber vielleicht können Eltern ihre Kinder nicht wirklich sehen. Wenn wir hinsehen, sehen wir nur das Spiegelbild unserer eigenen Fehler.“

Was als Geschichte der weiblichen Selbstermächtigung angepriesen wird, schwächelt dadurch. Die einzigen richten Impulse in Kirkes Charakterentwicklung kommen von Männern, ihr eigenes Glück hängt letztendlich von Männern ab und schlussendlich beugt sie sich doch deren vermeintlichen Macht.
Miller hat 500 Seiten süffiges Lesevergnügen geschrieben. Sie schafft es griechische Mythologie wieder nahbar zu machen und recherchiert sorgsam. Dennoch konnte ich keine Nähe aufbauen. Anders als bei den griechischen Sagen, die wunderbar von Gustav Schwab, Dimiter Inkiow oder auch Stephen Fry erzählt werden. „Ich bin Circe“ war ein nettes, leider jedoch belangloses Lesevergnügen und lohnt sich nur für Einsteiger*innen in die griechische Mythologie.

Bitte rechnen Sie 4 plus 2.
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Informationen

Circe
Erscheinungsjahr:
2018
Ausgabe: Eisele, 2019
ISBN: 978-3-961-61068-6
Seiten: 517
Übersetzung: Frauke Brodd
Sterne: 3/5