Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil

von Franziska zu Reventlow

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Es gibt Bücher, die die Essenz einer Zeit speichern, an denen man nicht vorbeikommen kann, sobald man sich intensiv mit einer Zeitströmung beschäftigt. Seit fast einem Jahr beschäftige ich mich mit der Jahrhundertwende und dem Fin de Siècle – insbesondere natürlich in meiner Heimatstadt München. München war um die Jahrhundertwende und bis in die 20er Jahre neben Berlin, Wien und Prag eine der Metropolen der deutschsprachigen Literatur. Schwabinger Bohème und Simplicissimus sind immer noch Begriffe, an denen man nicht vorbei kommt. Es heißt immer wieder, dass kaum ein Buch diese Stimmung so eingefangen hätte, wie Franziska zu Reventlows „Herrn Dames Aufzeichnungen“.

 

Franziska – auch Fanny, Gräfin zu Reventlow wurde 1871 in Husum geboren und flüchtete aus der preußischen Enge ihrer Jugend in die Literatur. Als ihre Eltern von ihrem Engagement im Ibsen-Club und einer Liebesgeschichte der knapp 20-jährigen erfuhren, wurde sie zu einer Pastorenfamilie bei Flensburg gebracht, von der sie 1893 nach München floh. Nach einem begonnen Malereistudium und einer gescheiterten Ehe, gebar sie 1897 ihren Sohn, dessen Vater stets geheim blieb und hielt sich mit Übersetzungsarbeiten über Wasser. Mit Gelegenheitsjobs, Finanzierung durch männlichen Bekanntschaften und kleineren Schreibarbeiten, ermöglichte sie sich ein Leben in der Münchner Künstlerszene um den „Kosmiker“-Kreis und entwickelte eigene Theorien, vor allem zur sexuellen Befreiung des weiblichen Geschlechts. Die intensive, kosmisch geprägte Zeit verarbeitete sie 10 Jahre später in ihrem humoristischen Schlüsselroman „Herrn Dames Aufzeichnungen“.

 

"Überall sind mysteriöse Gemeinschaften, man hört von Satansmessen, Orgien, Magie und Heidentum sprechen wie von ganz alltäglichen Dingen, dann wird wieder getanzt und Tee getrunken..."

Der junge, norddeutsche Student und aspirierender Schriftsteller Herr Dame kommt nach München und findet sich schnell in mitten der Schwabinger Bohème wieder. Er beschließt über seine Begegnungen mit Künstlern, Freigeistern und Erscheinungen Tagebuch zu führen. Diese Aufzeichnungen übergibt er Jahre später einem Pärchen, das er auf Reisen kennenlernt und verunglückt. Diese Übergabe und potentielle Veröffentlichung bildet die Rahmenhandlung für die Aufzeichnungen des jungen Dames.

Den Höhepunkt bildet ein kosmisches Karnevalsfest. Während die ersten zwei Drittel des Buches der naive Dame sich durch viele Fragen und Unbekümmertheit einen Überblick über die verschiedenen spirituellen Kreise in dem ihm unbekannten, neuen Terrain versucht zu verschaffen, erlebt er im letzten Drittel den Niedergang dieser speziellen Phase Münchens.

"Mir ist, als müßte ich mein Gehirn auseinandernehmen und wieder neu zusammensetzen. Die Art, wie es bisher funktioniert hat, die mir geläufigen und gewohnten Gedankengänge nützen mir nichts mehr..."

Doch viel eher als die Handlung bestimmt das Buch die unterschiedliche Darstellung und Interpretation verschiedenster Theorien und Philosophien. Das Wahnmochinger Volk stellt eigene philosophische Ansätze auf, in der sie zwischen kosmischen und molochistischen Energien unterschieden – lebensbejahenden und zerstörenden Impulse, weißer und schwarzer Magie, heidnischen und semitischen Strömungen. Während auf der einen Seite Freiheit gepredigt wird, mit sexueller Befreiung, ungewöhnlichen Lebensentwürfen und Künstlertum, herrschen auf der anderen Seite doch strenge kosmische Regeln, deren Verstoß schwere Konsequenzen haben kann. Nietzsche und Jung bestimmen ebenso die Kreise, wie römische Mythologie und Satanismus.

 

"Die Beschränkung der Erotik auf das eine oder andere Geschlecht ist ja überhaupt eine unerhörte Einseitigkeit. Der vollkommene Mensch muß alle Möglichkeiten in sich tragen..."

Reventlow schafft in ironischen Brechungen die damalige mystische Zeit einzufangen mit all ihren rauschenden Festen und Intrigen. Durch Zeitraffungen und Auslassungen gibt sie der Leserschaft einen verworrenen Einblick in eine verworrene Strömung, in der sowohl der aufkommende Antisemitismus, aber auch der Zionismus, Befreiungs- und Revolutionsbewegungen Platz finden. Auch ihre eigenen theoretischen Ansätze, vor allem das weibliche Hetärentum bringt Reventlow unter. Während es zwar ein schöner Spiegel der diffusen Zeit ist, ist es leider auch unglaublich anstrengend zu lesen.

Für mich war es leider sehr enttäuschend, denn alles ist nur angerissen. Die Porträts von Reventlows Zeitgenossen sind ebenso oberflächlich, wie die verschiedenen Theorien. Ohne großartigen Zusammenhang wird hier aneinandergehängt, gestöpselt und von einem weinerlichen Erzähler verwurstelt. Selbstverständlich ist es eine Darstellung der inneren Zerrissenheit des Protagonisten – dennoch empfand ich es persönlich als unglaublich mühsam. Letztendlich war der Blick in diese kosmischen Kreise ganz amüsant, aber in dem vielfältigen Schwabing als kleine Randgruppe spielten sie doch eine untergeordnete Rolle, selbst wenn Stefan George sich am Rande ihrer bewegte.

Reventlow zu lesen ist definitiv kein Fehler, aber den Mehrwert konnte ich bisher auch noch nicht entdecken.

Bitte addieren Sie 6 und 3.
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Informationen

Erscheinungsjahr: 1913
Ausgabe: Marix, 2014
ISBN: 978-3-865-39374-6
Seiten: 192
Sterne: 1/5