Hauffs Märchen. Vollständige Ausgabe

von Wilhelm Hauff

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Nun hatte ich schon zum dritten Mal das Vergnügen mich ein Semester mit Märchen beschäftigen zu dürfen. Nach zwei Semester mit dem Schwerpunkt auf europäische, vor allem französische und deutsche Märchenfassungen, lag dieses Semester der Fokus auf dem Orient und seiner Behandlung in der mittelhochdeutschen und neuhochdeutschen Literatur. Ein Schwerpunkt lag auf den orientalischen Märchentraditionen. Von diesen hat sich Wilhelm Hauff in seinen Märchenalmanachen inspirieren lassen.

Das Mitglied der Schwäbischen Dichterschule wurde 1802 geboren, arbeitete aus Hauslehrer und verfasste in dieser Zeit „Maerchenalmanache für Söhne und Töchter gebildeter Stände“. Drei Jahre wurden diese veröffentlicht, bevor 1827 Wilhelm Hauff mit nur fünfundzwanzig Jahren an Typhus starb.

„So bewegte sich dieser Geist in fremden, höheren Räumen freier und ungebundener, das Märchen wurde euch zur Wirklichkeit, oder, wenn ihr lieber wollet, die Wirklichkeit wurde zum Märchen..."

Die Gattung des Kunstmärchens blühte in der Spätromantik auf und zahlreiche märchenhafte Erzählungen wurden in dieser Zeit geschrieben. Die Unterscheidung zu traditionell überlieferten Märchen, wie die der Brüder Grimm liegt in der Herkunft der Texte, die ausnahmslos von den Autoren erfunden wurden und damit künstlich die Wirkung einer Volkssage oder eines Volksmärchens zu erziehen versuchen. Gerade durch die Möglichkeit moralische Werte zu vermitteln, wurden sie beliebte Lesestoffe für Heranwachsende.

Der Maerchenalmanach aus dem Jahr 1826 trägt den Titel „Die Karawane“ und versammelt sechs Märchen, die in eine Rahmenhandlung eingebettet sind. Diese erzählt die Reise einer Karawane und die Begegnung mit einem mysteriösen Fremden. Zum Schutz vor einer Räuberbande beschließen die Reisende Wache zu halten und sich diese mit Geschichten zu versüßen, nacheinander erzählen sie sonderbare Begebenheiten, die ihnen oder ihren nächsten geschehen sind und die ihre Herkunft und Heimat näher bringen.

„Von dieser Art ist nun das Märchen, fabelhaft, ungewöhnlich, überraschend; weil es dem gewöhnlichen Leben fremd ist, wird es oft in fremde Länder oder in ferne, längst vergangene Zeiten verschoben.“

Der Alamanach aus dem folgenden Jahr spielt ebenfalls im orientalischen Rahmen und erzählt in der Rahmenhandlung die Geschichte des „Scheiks von Alexandrien“, der nach dem Verlust seines Sohnes jedes Jahr zu dessen Geburtstag die Bediensteten Geschichten erzählen lässt und die besten Erzählenden mit der Freiheit belohnt. Hauff bindet hier neben seinen eigenen Märchen auch drei Fremde ein, die aus anderer Feder stammen.

Während die ersten beide Almanache orientalisch geprägt sind, spielt der letzte in Schwaben. „Das Wirtshaus im Spessart“ enthält Geschichten, die sich die Reisende erzählen um sich wach zu halten um in diesem bekannten Räubergasthof auf der Hut zu bleiben.

„Ihr seid ein sonderbar Geschlecht, ihr Menschen! Selten ist einer mit dem Stand ganz zufrieden, in dem er geboren und erzogen ist.“

Durch diese breite Fächerung an Geschichten unterschiedlichsten Ursprungs verknüpft Hauff orientalische und europäische Märchenmotive. Traditionelle westliche konnotierte Werte wie die Verwurzlung in der Heimat, Ehe und Familie überträgt er in den Orient. Dadurch hebt er die verbindenden Elemente hervor, anstatt die Unterschiede zwischen den Kulturen herauszustellen. Zwar nutzt auch er den Orient als magischen Raum, in dem, dem Orientalismus entsprechend alles möglich wird. Länder die von Reichtum, schönen Frauen, Exotik und furchtlosen Kämpfern strotzen, doch er verknüpft die Handlungen der Personen stets mit einem Ehrbegriff, an dem so manche westliche Ritter und Edelleute scheitern.

Durchaus modern und gekonnt kommen Hauffs Märchen daher und vermittelt ein überraschend positives Bild des Morgenlandes. Dennoch sind wie bei allen Sammlungen manche deutlicher gelungen als andere und mit dem Märchen „Der Zwerg Nase“ wird Hauffs nicht durch den Zeitgeist entschuldbarer Antisemitismus deutlich. Insofern sollte man diese Märchen bewusst lesen und die verschiedenen Aussagen differenziert betrachten.

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Informationen

Märchen-Almanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1826
Märchen-Almanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1827
Märchen-Almanach für Söhne und Töchter gebildeter Stände auf das Jahr 1828

Erscheinungsjahr: 1827, 1827 und 1829
Ausgabe: Anaconda, 2018
ISBN: 978-3-730-60671-1
Seiten: 478
Illustrationen: Theodor Weber, Theodor Hosemann und Ludwig Burger
Sterne: 3/5