Die Herrlichkeit des Lebens

von Michael Kumpfmüller

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Eigentlich wollte ich das neue Jahr mit Büchern starten, die eine weibliche Protagonistin fördern und ein Zeichen für mehr weibliche Literatur setzen. Wie so oft prallten meine Lesewünsche auf das Lesepensum meines Studiums und so wurde mir ein Buch über einem männlichen Schriftsteller von einem männlichen Schriftsteller vorgesetzt. Eigentlich nur ein Teil eines spannenden Seminares, in dem wir uns mit der Darstellung von Autoren des 20. Jahrhunderts im Gegenwartroman beschäftigen – nun aber damit auch das erste Buch des neuen Lesejahres.

Michael Kumpfmüller, in den frühen 60er Jahren geboren, ist ein Münchener Schriftsteller der in Deutschland spätestens nach seinem großen Coup „Die Herrlichkeit des Lebens“ bekannt ist. Nach einem Germanistikstudium, einer Karriere als Journalist und einer Ehe mit Eva Menasse, veröffentlichte er bisher sechs Romane. Für seinen fünften Roman stand er 2016 auf der Longlist des deutschen Buchpreises. Sein 2013 veröffentlichter Roman über Franz Kafka und seine Geliebte Dora Diamant wurde in 24 Sprachen übersetzt.

"Es fällt ihm auf, wie jung sie ist, sie hat das Leben noch vor sich, denkt er, mit welchem Recht also greift er danach."

Kumpfmüller erzählt die letzten Jahre des tschechisch-stämmigen Schriftstellers Franz Kafka, die von seinem Typhus geprägt sind. Trotz seines eher schwierigen Verhältnis zu seiner Familie, besucht er seine Schwester Ellie an der Ostsee um seine Lunge mit einer Meerluftkur zu besänftigen. Dort lernt er die blutjunge Dora Diamant kennen, Köchin in einem jüdischen Kinderheim und die beiden beginnen eine Liebesbeziehung. Nach einer Weile folgt er ihr nach Berlin und die beiden ziehen zusammen. Doch ihr gemeinsames Glück ist schwer von seiner Krankheit, der harten Wirtschaftskrise und der ständigen Existenzbedrohung getrübt.

"Erst jetzt spürt sie, wie sehr ihr das Warten zusetzt, sie beginnt zu heulen, nicht sehr lang, weil sie bald merkt, dass sie an ihr Geheule nicht glaubt."

Um beiden Parteien gerecht zu werden, wechselt Kumpfmüller seine Erzählperspektiven streng nach jedem Kapitel zwischen den beiden ab. In drei Teilen werden die großen Stationen des Paares beschrieben. Kumpfmüller entkernt den Roman weitgehend von der Person Kafka, sein (Nicht-) Schaffen als Autor taucht zwar stets am Rande auf, doch er arbeitet fast ohne jegliche Namen, zumindest ohne Nachnamen. Dem* Leser* wird der Kafka-Bezug vom Verlag fast aufgezwängt. Denn aus dem eigentlichen Text ist es höchstens erahnbar, wenn sich die Leserschaft vorher schon mit der kafkaschen Biographie beschäftigt hat. Er legt den Fokus stark auf die Liebesbeziehung und schafft so eine gewisse Beliebigkeit.

"Der Doktor versteht nicht viel von Kindern, er hat zu wenig Umgang mit ihnen, obwohl Ottla behauptet, dass ihn Kinder lieben, vielleicht, weil er selbst eine Art Kind geblieben ist."

Leider war für mich der Roman eine einzige Qual. Trotz der nicht ungelenken Sprache, wäre der Roman sicherlich anders publiziert und auch auf rezensiert worden, wenn eine Frau ihn geschrieben hätte. Womit ich mich mal wieder in meine Lieblingsrage rede, aber durch den männlichen nicht unbekannten Autor wird eine platte Liebesgeschichte zu einer „zarten poetischen Liebesgeschichte“[1] erhoben und für seine pseudobiographischen Züge gefeiert. Er reduziert die eigentlich nicht unspannende Dora Diamant auf einen albernen Backfisch, der in  Kafkas Gegenwart in sofortiger Liebe entflammt, ihr Leben aufgibt und zu seiner aufopfernden Pflegerin wird. Sich an Kafkas Briefen zu andere Frauen orientierend, reduziert er die Liebesbeziehung zu einem beidseitigen Abhängigkeitsverhältnis, dass an eine schlechte Liebesschmonzette à la Jojo Moyes erinnert.

Für mich eine echte Enttäuschung.

 

[1] Weidermann, FAZ

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Informationen

Erscheinungsjahr: 2013
Ausgabe: Fischer, 2018
ISBN: 978-3-596-19360-8
Seiten: 239
Sterne: 2/5