Kuss

von Simone Meier

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Simone Meiers „Fleisch“ war eine der Überraschungen des vorletzten Jahres für mich. Ihre kluge, bitterböse Betrachtung der Gesellschaft begeisterte mich und so war ich voller Freude, als ich das neue Buch der 1970 geborenen Journalistin in der Vorschau entdeckte. Nach einer Karriere bei diversen Zeitschriften wurde die Schweizerin vor allem durch das „DieKanon“-Projekt des vergangen Jahres bekannt, einem Versuch einer rein weiblichen Kanonschreibung an der sich auch Sibylle Berg und Margarete Stokowski beteiligten. Vor einigen Wochen erschien nun Ihr Romandrittling „Kuss“ wieder bei Kein & Aber und im wundervollen Umschlagskleide.

"Nichts war so schrecklich wie das ewige Girlie-Gepiepse reifer Frauen, deren einzige Sünde im Leben war, dass sie gelegentlich aus Versehen einen Tampon das Klo runterspülten."

Als Vorzeigedreißiger leben Gerda und Yann zusammen in einem neu gekauften Haus am Rande einer Stadt. Während Gerda seit kurzem arbeitslos ist und sich in die Renovierung des Hauses stürzt, arbeitet Yann an der Universität. Doch die Rolle Gerdas als Hausfrau belastet beide gleichermaßen und entfernt sie voneinander. Die auf Yann eifersüchtige Gerda, die unter ihrer schwierigen Mutter leidet, stillt Ihre innere Zerrissenheit durch Trash-TV, waghalsige DIY-Projekte und sexuellen Tagträumereien mit Yanns Kollegen. Yann spürt, dass seine Freundin ihm entgleitet und seine anfängliche Sympathie für die ältere Nachbarin Valerie, einer unkonventionelle Journalistin, die sich in One-Night-Stand-Liebeleien verliert, wandelt sich zu einer überraschenden Passion.

 

"Bald wurde sie zweiundfünfzig und hatte sich das Recht auf Hormonpräparate und rezeptpflichtige Drogenflashs tapfer erlitten."

Meier wechselt wie bereits in „Fleisch“ ihre Perspektiven regelmäßig und lässt so Gerda, Yann und Valerie zu Wort kommen. So wird ein vielschichtiges Bild der Liebe aufgezogen, die alte und neue Liebschaften beleuchtet in vielen Facetten, Entwicklungsstadien und Möglichkeiten. Doch die Liebe ist bei Simone Meier nur ein Transportmittel einer klugen Gesellschaftsstudie, bei der der* Leser* immer wieder über Momente stolpert, in denen man schreit: „Ja, genau so wie Du es beschreibst ist es. Das ist die heutige Gesellschaft. So ist es wirklich.“

In der für sie typisch knappen Sprache beleuchtet sie Popkultur, Thirtysomethings und die Generation Praktikum – schnoddrig und ehrlich und bringt so die tiefen Abgründe der menschlichen Seele zum hervor blitzen, die sich unter der Normalität verbergen.

"Gerne hätte sie ihm irgendwas zukommen lassen, schlechter Sex, so fand sie, verpflichtete zu nichts, guter Sex zu höflicher Sentimentalität."

Während ich „Fleisch“ großartig fand, hat „Kuss“ mich etwas enttäuscht zurück gelassen. Das lag vor allem an dem etwas unbefriedigenden und überstürzten Ende, aber eventuell auch an dem Erwartungsdruck den ich an Simone Meiers literarische Werke habe. Den Titel des Werkes finde ich ungünstig gewählt. „Kuss“ bietet hervorragende Unterhaltung, doch den Nachhall, den der Vorgänger hatte, kam bei mir diesmal leider nicht an. Doch als Gesellschaftsbeobachterin ist Meier on fleek und die wundervolle Ausstattung des Buches verleitet stark dazu, dass Buch als ästhetisches Objekt im Regal zu behalten und erneut in die Hand zu nehmen.

Bitte addieren Sie 3 und 8.
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Informationen

Erscheinungsjahr: 2019
Ausgabe: Kein & Aber, 2019
ISBN: 978-3-036-95794-4
Seiten: 252
Sterne: 3/5