Als Gottes Atem leiser ging

von Gerhard Köpf

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Gerhard Köpf hat mein Herz verzaubert, als ich er sich mir formvollendet vorstellte. Als zwei Jahre später eine Lesung von ihm angekündigt wurde, war ich überrascht – dass er Autor war, hatte ich nicht geahnt. Mit geringen Erwartungen ging ich eher aus Solidarität zu der Lesung und wurde im Innersten getroffen, von seiner Sprachgewalt, seiner Poesie und der Emotionalität.

Ende der 40er im Allgäu geboren, studierte Gerhard Köpf unter anderem Germanistik und Philosophie, promovierte und habilitierte und begann zu schreiben. Vierzig Jahre später war er auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner schriftstellerischen Karriere. Er gewann den Ingeborg-Bachmann-Preis, den Förderpreis des Freistaates Bayern und der Berliner Akademie der Künste, das Stipendium der Villa Massimo, Poetik-Professuren in Bamberg und Tübingen und wurde im literarischen Quartett besprochen. Danach wurde es still um ihn, neben einer Professur für Gegenwartsliteratur in Duisburg, nahm er zahlreihe Gastprofessuren an, bis er sich seit 2000 der Medizin zuwandte und eine Gastprofessur für Psychopathologie in Sprache und Literatur in München inne hatte.

Vor zwei Jahren erlebte seine literarische Karriere eine Renaissance, als er einen Vertrag beim österreichischen Braumüllerverlag bekam, der seitdem neue und alte Werke wieder auflegt.

"Freilich ist er ein waschechter Schwabinger, denn ein Schwabinger zu sein ist ein seliger Zustand, der keinen Platz hat in engen Gehirnen."

Seine kleine Erzählung „Als Gottes Atem leiser ging“, die 2010 erschien ist leider immer noch nicht regulär bestellbar, sondern nur antiquarisch.

Auf knapp hundert Seiten lässt Köpf den fiktiven Diener des baltischen Grafen Eduard von Keyserling erzählen. Dabei entfaltet sich nicht nur ein Bild des schwer von Syphilis gezeichneten Autors, sondern auch ein gesellschaftliches Panorama Münchens zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erinnerungen an den Grafen werden verwoben mit der Schwabinger Bohème der 10er Jahre, in der Frank Wedekind ebenso wie Max Halbe einen Auftritt hat. Das Zeitkolorit bestimmt die Erzählungen, der omnipräsente sich anbahnende Krieg, die Leichtigkeit Schwabylons, die aufkommende Psychoanalyse und das verwelkende Adel durchziehen die Erinnerungsfetzen und Betrachtungen des Erzählers, während er durch das München der 60er Jahre spaziert und sein Leben, besonders die Zeit an der Seite des Grafen Revue passieren lässt.

"Es ist einer dieser Tage, an denen keine Stadt der Welt mit München konkurrieren kann."

Mit dem schmalen Bändchen erschafft Gerhard Köpf eine vielstimmige Liebeserklärung. Aus jeder Pore atmet es eine Liebe zu diesem besonderen Autor, der schönsten Stadt der Welt und den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts. Wie auch in seinen anderen Werken, spielt Literatur eine große Rolle, in diesem Falle Einblicke in die Literatenkreise der Schwabinger Bohème, die Köpf durch sorgsame Recherche in den Lebenserinnerungen und Anekdoten von Franz Blei, Korfiz Holm oder Roda Roda zusammen puzzelt.

"Und niemand konnte mir erklären, wie das einstige Zentrum der Boheme zu einer Hochburg von Nazis werden konnte."

So besonders macht diese Erzählung die ständige Reflexion des subjektiven Erzählers, der sein Erzählverhalten ebenso wie sich selbst ständig reflektiert und hinterfrage und obwohl er sich seiner Subjektivität bewusst ist, versucht ein objektives Bild zu schaffen.

„Als Gottes Atem leiser ging“ ist nicht nur eine vergnügliche Erzählung, sondern ein liebevolles Gesamtkunstwerk, das von der ersten bis zur letzten Seite überzeugt. Gerade als Einstieg in das Werk Gerhard Köpfs ist sie ein Hochgenuss.

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Informationen

Erscheinungsjahr: 2010
Ausgabe: Allitera, 2010
ISBN: 978-3-869-06094-1
Seiten: 94
Sterne: 5/5