Afrotopia

von Felwine Sarr

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Durch meinen westlichen, heteronormativen-cis Filter ist mein Herangehen an Literatur und Kultur grundsätzlich geprägt und vorurteilsbeladen. Der erste Schritt diese westliche Hybris aufzulösen, ist sich seiner Position bewusst zu werden, der zweite ist sich mit anderen Positionen intensiv zu beschäftigen. Der dritte ist, sich mit diesen Positionen zwar zu solidarisieren, aber nicht zu identifizieren. Denn es wäre Hybris zu behaupten, ich könnte jemals die Empfindungen und das Leben einer anderen Person nachvollziehen. Noch weniger, wenn sie sich außerhalb meines Erfahrungshorizontes befindet.

Dennoch oder gerade deswegen ist es umso wichtiger zu versuchen sich dem anzunähern und zu versuchen andere Positionen zu verstehen. Eine der stärksten Stimmen der afrikanisch-westlichen Annährung ist momentan der Soziologe Felwine Sarr. Im Senegal geborgen, wurde er 2018 weltweit bekannt, als er zusammen mit Bénédicte Savoy einen Bericht über die Rückgabe von kolonialen Kulturgütern aus französischen Museen, im Auftrag von Macron, veröffentlichte. Zusammen mit einem der größten afrikanischen Denker unserer Zeit, Achille Mbembe gründete er 2016 die „Ateliers de la Pensée“ – eine Vereinigung von afrikanischen Intellektuellen, Künstlern und Denkern, die zusammen für eine neue afrikanische Zukunft stehen. Im selben Jahr veröffentlichte er auch seine Monographie „Afrotopia“, die im Frühjahr diesen Jahres ins Deutsche übersetzt wurde.

„Es geht darum, aus der Stadt einen Ort zu machen, an dem die Zivilisation, die wir zu erfinden im Begriff sind, zum Ausdruck kommt.“

Es ist der Entwurf eines neuen Afrikas. Indem er den Dualismus von einer möglichen, strahlenden Zukunft zu dem Chaos der Gegenwart aufzeigt, beweist er, dass eine kritische Reflexion notwendig ist, um als Kontinent voran zu kommen und sich aus dem westlichen Griff zu befreien.

Jahrhundertelang war Afrika für den Westen gleichzeitig eine Projektionsfläche für Wünsche und Träume, aber ebenso ein Ventil für Barbarei. Diese Ambivalenz hat es bis heute nicht verloren und der Blick auf Afrika und seine Rolle in der Weltgeschichte ist bis heute defizitär.

Während Kolonialismus und Sklaverei nachträglich die Wirtschaft geschädigt haben, steht Afrika heute vor der Problematik der verlorenen Traditionen und der brachliegenden ökonomischen Entwicklung zu der feindlichen, immer noch kolonisierten Modernisierung, die keine eigenen Schritte hervor bringt, sondern sich westlichen Idealen beugt. Sarr plädiert für eine Ökonomie, die kulturelle Kontexte einbezieht und Traditionen aufgreift und verändert so dass eine einzigartige afrikanische Ökonomie zum Fortschritt führt.

„Vitalität, Kreativität und Energie tosen durch die Straßen, Chaos und Ordnung machen einander den Raum streitig; Vergangenheit, Gegenwart und die Umrisse der Zukunft existieren nebeneinander.“

Sarrs ausführliches Essay ist ein philosophischer Diskurs, den er mit sich selbst führt. Indem er unterschiedliche Ansätze afrikanischer Denker vergleicht, aber auch selber Fenster in mögliche Konzepte aufmacht, schafft er einen breit gefächerten und differenzierten Blick auf Afrika.

Er schafft es die Prinzipen der klassischen Ökonomie verständlich aufzudröseln, ihnen ausführlich Zeit zu widmen, bevor er beginnt sie in den kulturellen Kontext Afrikas einzubinden und so neue Möglichkeiten der Ökonomie und Politik aufzeigt. Seine Herangehensweise ist einzigartig und überzeugend.

„Jede Epoche ist moderner als die vorige und weniger modern als die folgende.“

Während aus jeder Pore erkennbar ist, dass Sarr Afrika liebt, schürt er dennoch keinen Hass auf den Westen, sondern betrachtet ihn differenziert und hebt sowohl Schwächen als auch Stärken hervor ohne sich dennoch nicht klar von westlichen Modellen in einer afrikanischen Zukunft zu distanzieren. Sarrs poetische Sprache könnte ein Hindernis für ein Sachbuch sein, doch er schafft es seine Sprachgewalt so zu verwenden, dass er komplexe Hintergründe fesselnd und transparent darlegt.Für mich war „Afrotopia“ eine Bereicherung und sollte auf jeder Leseliste stehen.

Die afrikanische Wissenschaft und die afrikanische Zukunft muss mit einer Überwindung der westlichen Hybris beginnen. Go Wakanda!

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Informationen

Erscheinungsjahr: 2016
Ausgabe: Matthes & Seitz, 2019
ISBN: 978-3-957-57677-4
Seiten: 175
Sterne: 4/5